WENDEKREIS 18

WENDEKREIS 18

15. Februar 2019 Aus Von Anke Brehm

Kapitel 2, erster Teil

Ich bin heute mit allergrößter Wahrscheinlichkeit der älteste Mensch auf dieser Erde und bleibe das folglich für den Rest meines Lebens, welches mit ein wenig Glück noch an die hundert Jahre dauern könnte.
Die „normalen“ Jahre endeten drei Wochen vor meinem zweiundneunzigsten Geburtstag. Schon da gehörte ich zu den Ältesten, doch gab es noch Zigtausende auf der Welt, die weiter waren. Meine Chancen, sie einzuholen, standen schlecht. Nein, das ist bereits eine schamlose Übertreibung: Es bestand nach allem, was man wissen konnte, überhaupt keine Chance, denn ich war sterbenskrank, überlebte nur noch mühsam von Stunde zu Stunde.
Das ist zwanzig Jahre her.
Mein erstes Leben endete an dem Tag, als das Consortium die Existenz von Deepwater City publik machte und mehrere Journalisten hierher einlud, doch meine Metamorphose fiel nur zufällig auf den Eröffnungstag. Das Ärzteteam hätte mich, oder eine andere Kandidatin, auch etwas früher oder später finden und abholen können, da war nichts vereinbart oder abgestimmt.

Als DCs Botschafter die Journalisten in ihren Redaktionen aufsuchten, lag ich noch in meinem Krankenbett, versehen mit Schläuchen, die in meinen Körper hinein- und hinausführten. Das war meine Wahl gewesen.
Ich bin Jahrgang 1962, was lange nicht sicher war, denn man fand mich im Alter von Fünf als Findelkind ohne Erinnerung und ich erfuhr erst mit beinahe Sechzig meine wahre Identität, aber das ist eine andere Geschichte, die schon von mir erzählt wurde und nachgelesen werden kann. Jedenfalls verband ich immer einen Hunger auf Leben mit dem Bewusstsein, dass ein wichtiger Teil davon einfach weg war und ich die fehlenden Jahre irgendwie ersetzen wollte.
Als Atheistin ging ich, und gehe bis heute davon aus, dass mit dem Tod das Leben definitiv endet. Für mich ist das gleichbedeutend mit einem Happy End, am Schluss sollte es eben wirklich vorbei sein – und gerade dadurch wird das Leben so kostbar, dass man es nicht abkürzen, sondern alles mitnehmen sollte, wie unangenehm es auch sein mag. Und so nahm ich tatsächlich Jahre der stärksten Qualen auf mich, um mein Leben zu verlängern, so wenig lebenswert es in dieser letzten Phase auch erscheinen mochte.
Glücklicherweise tat ich das, denn sonst wäre ich an jenem Tag längst Asche in einer Urne gewesen, oder Teile meines Körpers, den ich der Wissenschaft vermacht hatte, würden in irgendwelchen Labors in Einmachgläsern schwimmen.

Als Frau Doktor Lin an mein Bett trat und fragte, ob ich ihr Versuchskaninchen sein wollte, mussten Journalisten gerade die ersten Informationen über die Stadt verdauen. Als sie in bereitgestellte Deltaflyer stiegen und Richtung Deepwater starteten, hatte ich gerade eine Krise durch die Beschleunigung des Flyers, die mich beinahe tötete, überwunden und ließ mir von Frau Doktor über eine Intercomverbindung erklären, was als nächstes geschehen würde.
Während die Reporter sich nacheinander gespannt der Kuppel näherten, um gleich darauf in ihren Flyern unter Wasser zu tauchen, war ich bereits in der Klinik und wurde vorbereitet.
Man zog mich aus, befreite mich von allen Geräten und Kanülen, nur ein Beatmungsschlauch blieb. Viele Leute waren um mich herum, Ärzte, Professoren, Assistenten, Pfleger; es waren, wie ich aus den Unterlagen weiß, zwölf Personen im Raum und weitere neunzehn beobachteten alles von einer Empore aus. Ich war wohl eines der geheimsten medizinischen Projekte, die es je gab, aber für die, die doch davon wussten, gab es an diesem Tag nichts Wichtigeres. Das Interesse galt nicht meiner Person, sondern dem, was gleich mit mir geschehen würde. An die Journalisten einige Kilometer weiter, die sich im Zentrum eines unglaublichen Geschehens wähnten, verschwendete keiner der Anwesenden den kleinsten Gedanken, das ist mal sicher.
Ein großer Tank stand in der Mitte des mit sterilen, futuristisch wirkenden Geräten vollgestellten Raumes, der mich ganz fatal an Labore aus Fantasyfilmen erinnerte, wo durch furchtbare Experimente Superhelden oder -schurken mehr oder weniger absichtlich geschaffen werden. Doktor Lin hatte mir auf dem Flug erklärt, dass ich in diesen Tank gelegt und dort ganz in eine dickflüssige Masse eintauchen würde, die meine Heilung bewirken könnte.
Nachdem Lin und viele fremde Gesichter sich nochmals über mich gebeugt und mir ermunternd zugelächelt hatten, in dem Moment als mein Kopf durch die Öffnung des Tanks geschoben, der Körper noch draußen war, bekam ich Panik. Ich wollte schreien, aber meine kraftlose Kehle brachte nur leises Jammern zustande und mir wurde bewusst, dass ich sowieso die ganze Zeit stöhnte, da man vor dem Abflug alle Medikamentengaben abgesetzt hatte und ich unter wahnsinnigen, furchtbaren Schmerzen litt, die mein Bewusstsein in den letzten Stunden irgendwie ausgeklammert hatte.
Es muss am Adrenalin liegen, wegen der Aufregung hab ich die Schmerzen nicht bemerkt, dachte ich. Und da war ich auch schon vollständig im Tank, die Liege unter mir verschwand irgendwie und ich tauchte ein in eine gelatineartige Masse, bis sie mich ganz bedeckte.

Es war wunderbar! Ich war im Paradies, schwebte in der Gelatine wie ein Falke in einer feinen Brise. Ja, es kam mir vor wie Gleiten in dünner Luft.
Dann drang es in mich ein. Ich spürte es und spürte es doch nicht, merkte dass sich etwas tat in meinem Körper, aber nie wird mir gelingen zu beschreiben,
wie genau sich das anfühlte. Womöglich hätte ich Panik bekommen, aber es war inzwischen in meinem Gehirn, bewirkte eine Blockade der Schmerzwahrnehmung, sorgte für massenweise Ausschüttung von Glückshormonen und in gewissem Sinn „erklärte“ es mir, was es tat, so dass ich mich ganz entspannt dem Lauf der Dinge überlassen konnte, denn ich wusste, alles war gut.
S
o dargestellt erweckt das einen falschen Eindruck, als ob „es“ ein Wesen wäre, das gezielt und bewusst handelt. Das ist ganz sicher nicht so. Biogenatine besteht, wie ich seither gelernt habe, aus gentechnisch veränderten Zellen, die imstande sind, einen kranken biologischen Körper in seinen jeweiligen Idealzustand zu versetzen. So lautet die kurze, einfache Erklärung für Laien. Die Masse denkt selbstverständlich nicht und erklärt folglich auch niemandem etwas. Doch wenn sie ins Gehirn eindringt, beeinflusst sie es auf eine Weise, die Verständnis für den Vorgang bewirkt. Wie es das tut, ist bis jetzt so rätselhaft wie vieles andere an der Wirkungsweise der mittlerweile regelmäßig angewandten Biogenatine-Behandlungen.

Vierzehn Stunden dauerte die Prozedur. Ich war die meiste Zeit wach, bis auf kurze Tiefschlaf- und Remschlafphasen, bei denen ich den Eindruck hatte, im Laufe eines Updates mehrfach neu gestartet zu werden. Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren; ich konnte praktisch zuschauen wie verschüttete Erinnerungen auftauchten, wie ich Zusammenhänge verstand, weil die entsprechenden Synapsenverbindungen aufgebaut wurden; wie alles immer klarer wurde, während gleichzeitig mein Körper gesundete, jede Zelle bearbeitet und jedes Organ in einen jugendlichen Zustand versetzt wurde, Herz, Lunge, Leber, Nieren… Bei den Eierstöcken war etwas anders, sie wurden nicht einfach in einen Idealzustand ihrer selbst versetzt, sie wurden verändert. Auch das spürte ich, wunderte mich, war gespannt und jubelte innerlich, jubelte, denn es ging mir so gut. Selbst wenn alles nur Fake gewesen wäre, um meine letzten Stunden zu verschönern, hätte mich das nicht gekümmert. Ich erlebte das größte High ever. Erst gegen Ende der Prozedur fiel ich in einen betäubungsartigen Schlaf und merkte nicht, wie ich aus dem Tank herausgeholt, vom Sauerstoffschlauch befreit, gewaschen, gründlich untersucht und schließlich in ein Bett gesteckt wurde.

Langsam kehrte mein Bewusstsein zurück. Ich nahm wahr, dass ich in einem weichen Bett lag, behielt die Augen geschlossen und überwand Momente der Desorientierung, während Erinnerungen auf mich einströmten.
Noch immer öffnete ich die Augen nicht, hatte ein wenig davor Angst. Ich lauschte lieber erstmal. Es war still. Kein Summen, kein Piepsen elektrischer Geräte. Das Einzige, was ich hörte, war mein eigener Atem. Jetzt erst fokussierte ich meine Aufmerksamkeit auf meinen Körper… Keine Schmerzen!
Das war toll, aber mir kam es vor wie die völlige Abwesenheit von Gefühl – ob ich wohl gelähmt war? Einige Sekunden traute ich mich nicht, auch nur den kleinen Finger zu bewegen, aus Furcht vor dem Ergebnis dieses Versuchs. Dann tat ich es. Kein Problem, der rechte kleine Finger ließ sich bewegen, der linke Daumen ebenso, auch beide Füße… Ich öffnete die Augen.
Wow! Diese Farben! Diese Klarheit! Ich lag auf einem breiten, weichen Bett in einem etwa zwanzig Quadratmeter großen Raum, der ganz und gar nicht wie ein Krankenzimmer wirkte, sondern wie ein Einzelzimmer in einem Mittelklassehotel der 1980er Jahre. Wände, Möbel und Bettwäsche waren aufeinander abgestimmt, in recht gedämpften Farbtönen, wie ich heute weiß. Nur dass meine Augen, die schon lange nichts mehr so deutlich wahrgenommen hatten, alles viel intensiver vermittelten. –
Arme, Beine und Kopf hatte ich bereits bewegt. Ich konnte sehen und hörte das Rascheln von Matratze und Bettwäsche überdeutlich. Jetzt beschloss ich, mich aufzurichten. Jahrzehnte des Alterns und damit verbundener Gelenkschmerzen ließen mich unwillkürlich erwarten, dass es mühsam werden würde. Aber nichts da! Ich setzte mich einfach auf, schlug das dünne Laken zurück, das meinen nackten Körper bedeckte, und dann stand ich auf.
Eine Tür öffnete sich und Doktor Lin kam herein, lächelte mich an, begrüßte mich. Ihre Stimme hörte sich anders an, als sie durch dieses elektronische Gerät in meinem Kopf geklungen hatte. Die Asiatin, deren viele kleine Lachfältchen um die Augen mir jetzt auffielen, öffnete einen Kleiderschrank so weit, dass ich mich im hohen Spiegel an der Türinnenseite sehen konnte.
Da erblickte ich mein neues Ich in vollständiger Nacktheit, und glaubte es nicht.
Es musste ein Trick sein, mit Holografie war ja mittlerweile so viel machbar – ein Spiegelbild, dass sich richtig bewegte, aber nicht den richtigen Körper zeigte, das war sicher möglich und viel wahrscheinlicher als dass
das tatsächlich Ich war.